Fast jeden Tag …

… fast jeden Tag, wenn ich von der Arbeit nach Hause fuhr, sah ich dich, wie du traurig am Fenster des Altenheims sitzt und die Menschen und den Straßenverkehr beobachtest. Auch wenn ich dich nicht kannte, ging es mir nahe und tut es auch immer noch. Anfangs hattest du mich nicht bemerkt, hattest einen leeren Blick gehabt, aber dennoch alles beobachtet. Irgendwann hattest du mitbekommen, dass ich jeden Tag im gleichen Zeitraum bei dir vorbei fuhr. Immer mehr hattest du mich registriert und wahrgenommen, genau wie ich dich. Ab einem gewissen Punkt war ein kleines Lächeln bei dir zu sehen und es freut mich, dass du mein Lächeln erwidert hast. Das Lächeln wurde mehr und irgendwann habe ich dir zugewunken. Deine Antwort – dein Strahlen – trieb mir Tränen in die Augen. Es ist immer wieder schön zu sehen, was kleine Gesten für eine Wirkung haben. Hätte ich es mal eher getan, aber wir mussten uns ja auch erstmal kennen lernen – leider aus der Entfernung. Inzwischen waren wir schon fast eingespielt. Vom Weiten habe ich gesehen, dass du die Straße heruntergeschaut hast, in die Richtung aus der ich komme und ich habe dir schon mal zugewunken, in der Hoffnung, dass du es siehst. Als wir in richtiger Sichtweite waren hast du mir dann meist als erster zugewunken, was mich sehr berührte. Ich bin dann immer so langsam wie möglich gefahren, um dir ganz lange zurück zu winken. Es hat mich sehr traurig gemacht, dass dies meist nur ein Erlebnis von ein oder zwei Minuten war. Für dich wahrscheinlich, dein Tages-Erlebnis. Gerne hätte ich dich mal besucht, aber leider macht Corona einen Strich durch diesen Wunsch. Deine Traurigkeit zu sehen, hat mir eigentlich jedes Mal das Herz gebrochen. Niemand ist gerne alleine. Ich kann es nicht sehen, wenn jemand traurig ist, ich komme damit nicht klar. Auch wenn ich nicht mal deinen Namen kannte, habe ich dir gerne zugelächelt und gewunken, es war das Mindeste was ich tun konnte, um dich aufzumuntern.

Nun habe ich dich seit Wochen nicht gesehen … meine Vermutung ist, dass du von uns gegangen bist. Ich hoffe, dass du nicht leiden musstet, wenn dies der Fall ist. Und wenn nicht, wünsche und hoffe ich, dass du dann auch nicht leiden musst und vielleicht jemand anderen findest, der dir ein Lächeln schenkt.

Mach’s gut liebe alte Dame.

Eingeschlafen

Es ist eine Woche her, da bist du einfach friedlich eingeschlafen. Bist einfach von uns gegangen ohne ein Wort zu sagen. Ich hatte dich gefunden und noch versucht zu wecken, doch es hatte keinen Zweck mehr, du warst schon Stunden zuvor in deinen letzten Tiefschlaf versunken. Dich dort sitzen zu sehen, ein Bild, was nicht mehr aus meinem Kopf geht, es verfolgt mich und erwischt mich kalt in jeder nur möglichen Situation.

Wir hatten unsere Differenzen, doch ich hatte und habe dich immer lieb gehabt. Und irgendwie weiß ich auch, dass du das auch gemacht hast, egal wie du zu mir warst. Du warst halt so wie du warst. Wir hätten es beide aber ruhig mal aussprechen könen, da nehme ich mich nicht aus. In meiner Kindheit haben wir jeden Mist gemacht, jeder Spaß war unser, das ear einfach klasse. Auf dich konnte ich mich verlassen. Nur der Alkohol, den hättest du dir sparen können. Aber du hattest mir nie etwas angetan und ich hatte auch nie Angst deswegen, denn es war für mich damals Normalität, ich kannte es nicht anders.

Kurz vor deinem Tiefschlaf haben wir uns das letzten Mal gesehen. Wir beide hätten netter zueinander sein können. Nun bereue ich es, dass ich es nicht war. Denn nun sind wir auseinander gegangen und waren nicht gut aufeinander zu sprechen, das macht mich wahnsinnig traurig. Aber noch viel trauriger macht es mich, dass du einfach nicht mehr da bist … auch so plötzlich … einfach weg. Ich kann es eigentlich noch gar nicht glauben.

Für dich ist es teils eine Erlösung. Du musstest nicht leiden, nicht ins Heim oder ins Krankenhaus, wo wir dich nicht hätten besuchen können. Ich weiß deine letzten Lebensjahre waren nicht die besten … du warst alleine und unglücklich. Deinem größten Problem, deiner Fast-Blindheit, konntest du trotzen und hast dich nicht unter kriegen lassen, ich habe dich immer bewundert, egal wie oft die Küche wie ein Schlachtfeld aussah. Doch trotzdem hättest du dir noch Zeit lassen können.

Manchmal mache ich mir Vorwürfe, dass ich nicht genug für dich da war oder mich zu wenig um dich gekümmert habe und vieles mehr. Ich werde das Gefühl nicht los dich im Stich gelassen zu haben und nur an mich gedacht zu haben. Auch wenn ich weiß, dass es nicht so ist, bleibt das Gefühl trotzdem da. Verzeih mir bitte.

Lebe wohl und ruhe in Frieden und grüß und drück deine Frau lieb von mir.

Drei Jahre

Vor drei Jahren hat dein Herz aufgehört zu schlagen und hat dich von deinem Leid und deinen Schmerzen erlöst.
Es kommt mir manchmal vor als wäre es erst gestern gewesen und manchmal als wäre es schön länger her. Es war für dich das Beste, dass wissen alle … aber trotzdem hättest du noch für immer bei uns bleiben können. Du hast bei uns allen eine sehr große klaffende Lücke hinterlassen und wir vermissen dich so sehr.
Ich werde nie das Strahlen in deinen Augen vergessen als ich deinen Ehering gefunden hatte und ihn dir gegeben hatte, nachdem du ihn verloren hattest und nicht mehr finden konntest. Ich hatte so gehofft, dass ich ihn finden würde.
Es ist so schade, dass du so viele Dinge nicht mehr miterleben konntest und nicht miterleben wirst. Doch in unseren Herzen wirst du weiterleben und immer dabei sein. Wir vermissen dich so sehr …. warum bist du nicht mehr da … warum musstest du gehen und warum auch so früh … .
Ruhe weiterhin in Frieden.

027_2020

Nicht mehr da sein

Nr. F_0044

Was ist das Leben wert?
Was ist man selber wert?
Ist man selber überhaupt etwas wert … man wird doch eh nur als schlechter Mensch dargestellt.
Ist man vielleicht doch noch so viel wert, dass um einen getrauert werden würde nach dem Ableben oder gerät man einfach in Vergessenheit.
Wäre es ein Verlust einfach nicht mehr da zu sein?

024_2020

Der tiefe tiefe Fall

Nr. F_0006

APX 100, Negativ gescannt

Wenn man denkst, dass Wochenende nicht schlimmer werden kann … Freitagnachmittag nahm es keinen guten Start … Samstagmorgen aufgewacht … es fühlt sich an, als wenn man in einem tiefen depressiven Loch sitzt … warum auch immer … keine Ahnung … der Tag wird von Minute zu Minute schlimmer … doch dann der Sonntagmorgen … man dachte noch tiefer kann man in dem Loch nicht rutschen, aber man wird eines besseren belehrt und befindet sich im tiefen freien Fall ins … keine Ahnung wohin … ins Nichts … die Leere … warum ist das Leben so grausam … lohnt sich das Leben überhaupt zu leben … wenn es nun ein Ende hätte, dann muss man das Grausame wenigstens nicht mehr ertragen …

022_2020

Davor werfen

Nr. F_0005

APX 100, Negativ gescannt

Und dann ist sie wieder da … die Angst … die Verzweiflung … oder das drückende Gefühl wenn man weiß, dass einem gleich der Boden unter den Füßen weg gezogen wird … das Gefühl, dass gleich alles schwarz um einem herum wird … tiefschwarz …